Vortrag über Gewalt

Gewalt ist ein Thema, welches schier unauslotbar erscheint. Täglich werden wir mit ihr konfrontiert. Längst scheinen bestimmte Formen von Gewalt gesellschaftsfähig geworden zu sein. Sie ist aus islamischer Sicht nicht losgelöst von der Ontologie des Menschen zu betrachten. Sie scheint nicht eliminierbar zu sein, denn wir Menschen tragen die Bereitscha ft, ja sogar die Lust an der Gewalt offenbar in uns. Selber Geschöpfe aus zerbrechlichstem Material, sind wir bereit, anderen Gewalt anzutun, um unseres eigenen Vorteils willen. Trotz aller Appelle und internationalen Ächtung beherrscht sie doch in vielfacher Weise unser Leben. Nach wie vor wütet Kain gegen Abel und eine Besserung scheint nicht in Sicht.

Dennoch kann unser Anspruch nur lauten: Unter Aufbietung aller Kräfte mit allen legalen Mitteln gegen Gewalt und Unterdrückung anzugehen. Aber was heißt das in der Praxis? Gegen die Bereitschaft zur Gewaltanwendung müssen wir mit der Kraft, die wir zum Leben mitbekommen haben, entgegen ziehen.
Gewalt als Abwesenheit von Gerechtigkeit
Die Gründe der Gewalt sind so mannigfaltig, wie die der Abwesenheit von Gerechtigkeit.
Als Gott Seinem Geschöpf Iblis (Iblis, die destruktive Kraft in personeller Bezeichnung; Iblis, der Enttäuschte ) befahl, die göttliche Kreation Mensch anzuerkennen und ihm mit Achtung zu begegnen, weigerte sich dieser und sagte: Ich bin besser als er, es wäre ungerecht, wenn Du mich in meiner von Dir ausgewählten überlegenen Materie nicht in Rangstufen über den Erdling erheben würdest. Damit zog Iblis die Materie dem Geist vor, und verschleierte den göttlichen Hauch, mit dem Gott den Menschen geehrt hat. Es ist nicht so, dass es Iblis nicht gelänge, einige Vorzüge seiner Person gegen die schwächere Materie Mensch ins Feld zu führen, aber die Fronten sind klar: Der Schwächere wird als derjenige gekennzeichnet, dem mindere Rechte, weniger Achtung und Würde und damit ein Defizit an Versorgung zukäme, und dies sei legitim und gerecht. Damit sind wir beim Thema Frau. Es ist rhetorisch nicht unbedingt positiv in apologetischer Weise Zahlen herbeizubringen, dass Gewalt in mehr als 98% der Fälle von männlichen Menschen gegenüber Schwächeren, (nicht unbedingt allein gegen Frauen) ausgeübt wird. Doch wir bedürfen dieser Zahl als Grundlage der Ursachenforschung. Eines der Aspekte im Kontext von Gewalt gegen Schwächere scheint das gänzlich andere Verständnis von Gerechtigkeit im Verhältnis der Geschlechter zu sein.
Muslim/innen vertrauen den Offenbarungstexten des Qur’an und dem Propheten, wenn sie sich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen beschäftigen.
Das qur`anische Konzept gegen Gewalt Der Qur’an hat ein interessantes Konzept zur Überwindung von Gewalt aufgestellt. Dieses Konzept ist an die qur’anische Lehre vom Sein gebunden, wonach nur Einer Besitzer von Macht und Gewalt ist, der Schöpfer selbst. Es ergibt sich für alle Geschöpfe ein gleicher Status: Alle haben sich der Ausübung von Macht und Gewalt zu enthalten, mit Ausnahme bei Gefahr für Leib und Leben. Dies wird durch das Konzept des Bewusstseins göttlicher Anwesenheit in der Schöpfung garantiert. Die Art, in der Gott Verantwortung für Seine Schöpfung übernimmt, bestätigt, dass Seine Macht und Gewalt allemal groß genug ist, den Kosmos in vollkommener Ordnung aufrechtzuerhalten, so dass ihnen kein Unrecht widerfährt , (Qur`an 10.47) Die Menschen sind gehalten, sich der Macht und der Gewalt nur innerhalb der göttlichen Definition zu bedienen, also in positiver Ausgestaltung. Die Gewalten Gottes sind positiv, sie sind pro-Mensch, d.h. pro-Schöpfung!
Demnach wird das Geschöpf Gottes (makhluq) in den Offenbarungen Gottes aufgefordert, Gewalt über sich und seine Begierden, seine maßlosen Wünsche, seine zerstörerischen Kräfte zu gewinnen. Er soll, wo immer es möglich ist und stabilisierend erscheint, sogar auf Vergeltung bei erlittenem Unrecht verzichten, wenn er seine Seele und seine Existenz in seiner Gewalt hat. Es gilt Iblis in uns: Ich bin besser als die anderen zu bekämpfen.
Eines der beeindruckendsten und unser Inneres berührenden Szenarien qur’anischer Dialoge zwischen den Beteiligten Gott, Iblis und Mensch, ist die Aufarbeitung des Desasters, welches den Menschen aus der Nähe göttlicher Gegenwart als Gesprächspartner des Schöpfers entlässt.
Wir fanden im Menschen kein Ausharrungsvermögen (gegen die Angriffe rhetorisch geschickter Verführung), denn der Mensch ist schwach geschaffen. Geht nun hinab von hier und wenn zu euch Worte von Mir kommen, so brauchen diejenigen, die sich mit diesen Worten vernunftbegabt auseinandersetzen und sie sich zu Nutze machen, keine Angst zu haben und nicht traurig zu sein und zu Mir ist die Heimkeh (Qur`an u.a. 2o.115).
Mit diesen Worten verabschiedet der Schöpfer Seine Geschöpfe auf Zeit aus dem paradiesischen Zustand. Ist das ein Rausschmiss, ist das Gewalt eines Überlegenen gegenüber dem Schwächeren oder vollzieht sich hier eine logische Konsequenz menschlichen Verhaltens, verbunden mit der Sorge eines Schöpfers, der sein Geschöpf für Nachlässigkeit und Schwäche nahezu entschuldigt und ihm alsdann einen eigens für ihn geschaffenen Lebensraum anweist sowie einen guten Ausgang , die Rückkehr zu Ihm (Qur`an 2.245, 2.274 u.a.) verheißt?
Dies ist der Rahmen des Gewalt-Verzichts und der barmherzigen Gerechtigkeit, den wir aus dem Qur`an erkennen und aus dem wir Lehren für unsere Arbeit ziehen können: Selbst bei irrtumsbehaftetem, falschen Handeln verbleibt die Verpflichtung, Verbesserung und Entfaltungsmöglichkeiten für Opfer und Täter bereit zu halten.
>Gewalt in Ehe und Familie
Lange verdrängt, mehren sich nun mutige Stimmen, die nüchtern feststellen, dass Gewalt unter den Geschlechtern, besonders auch in Ehe und Familie kein Thema christlicher Ehen und Familien ist, und auch die ständige Behauptung, es sei die westliche Dekadenz, die zu Gewaltanwendung in Ehe und Familie führe, führt zu nichts, ganz abgesehen davon, dass sich Pauschalisierungen dieser Art nicht verifizieren lassen. Gewalt jedweder Art ist auch ein tägliches Thema in muslimischen Familien.
Körperliche Kräfte-Überlegenheit wird mit Ressourcen-Überlegenheit verknüpft und als gottgewollt definiert. Es entsteht eine Herrschaft, die auf selbst definierter Überlegenheit basiert und sich über das (meist) wirtschaftlich und kräftemäßig schwächere Geschlecht hinwegsetzt. Ein schwächeres Geschlecht, weil es in Abhängigkeit und Bevormundung gehalten und damit bewusst geschwächt wird.
Übel ist es, wenn versucht wird Gewalt gegen Frauen in der muslimischen Gesellschaft mit heiligen Texten zu legitimieren. Der Versuch muss scheitern, nicht jedoch seine Wirkungsgeschichte. Schon zu Beginn der sprachlichen Textuntersuchungen werden gravierende Fehlinterpretationen deutlich.
Oh ihr Menschen, wir haben euch aus einer einzigen Substanz erschaffen. Aus ihr (der Substanz) schufen Wir das (jeweilige) Partnerwesen und aus beiden ließen wir viele Männer und Frauen hervorgehen. (Qur`an 4.1)
Mit anderen Worten: Was wesensmäßig gleich ist, kann zu keinem Zeitpunkt ungleich werden (Rifat Hassan). Die beabsichtigte oder unbeabsichtigte Fehlinterpretation dieses Textes, welcher sich im Qur`an in anderen Bezügen und Aspekten oft wiederholt, hat zu der Vorstellung geführt, dass zuerst das männliche Wesen mit dem Willen Gottes auf der Erde erschien und aus ihm seine Gattin geschaffen wurde. Das ist keine Fehlinterpretation, die wir nur im Islam finden. Diese mit dem Text nicht zu vereinbarende Vorstellung tritt sogar neben anderen Religionsgemeinschaften auch in nicht religiös definierten Gesellschaften mit gleicher Wirkung auf: Frauen sollten darüber nachdenken, woraus die erstaunliche Einigkeit zu diesem Thema unter so vielen verschiedenen Kultur- und Religionsgemeinschaften resultiert, wenn es darum geht, Frauen eine nachrangige Spätgeburt zu bescheinigen.
Gewalt, ein Begriff und viele Facetten
Ist es Gewalt, wann immer ein Mensch unter Befehlsgewalt etwas tun oder lassen muss, was er nicht möchte, was ihm zuwider ist, was seiner Persönlichkeit, seiner Auffassung von freier Lebensgestaltung, widerspricht? Seinen Geist, seine Seele, sein Gewissen quält? Oder können wir erst dann von Gewalt sprechen, wenn es um körperliche Übergriffe geht, wenn Misshandlung zur Debatte steht? Streben wir verantwortete Selbstbestimmung jedweder Existenz an, dem Schöpfer verantwortlich, oder geht es uns nur darum, dass weniger Frauen und Kinder geschlagen, seelisch zerstört, verletzt, verachtet, entwürdigt und oder sogar getötet werden? Im Reich der Blinden ist der Einäugige König! In Gesprächen mit Frauen, die das Glück genießen, keiner körperlichen Gewalt zu unterliegen, wirkt dieser Blickwinkel bestimmend für die Aussage: Ich erfahre keine Gewalt, mir geht es gut.
Viele Gesetze schränken in der Tat physische Gewalt in der Familie gegen Frauen ein. Aber mehr nicht! Oft wird argumentiert, es könne sonst Ehe und Familie in Gefahr geraten. Worin könnte denn die Gefahr für Ehe und Familie bestehen, wenn alle Schutz gegen Gewalt genießen, wenn es keine Privilegierten gibt? Solche paradoxen Aussagen sind nicht geeignet, Klarheit und schon gar nicht Verbesserung in gewaltbereite Situationen zu bringen, denn für so manchen Haushaltsvorstand ist schon ein Widerspruch oder gar die Aufforderung zu Dialog und Konsens eine Gefahr für die selbsternannte, ängstlich gehüteten Vor-Rechte.
Alleingelassen, ohne materielle Ausstattung für den (Überlebens-)Kampf, brauchen viele Frauen Instrumente, um sich ohne körperliche Leiden auf weitere Strategien zur Überwindung von Gewalt vorbereiten zu können. Es ist wohlbekannt, und durch wissenschaftliche Studien bewiesen, dass sich gerade die misshandelten und entrechteten Frauen nicht mehr wehren und ihnen ein Bewusstsein für die umfangreichen Persönlichkeitsrechte, die selbstverständlich aus den genuinen islamischen Texten ersichtlich sind, verlorengegangen ist. Leiden wird dann umgemünzt in Duldsamkeit und eine dem Islam fremde Jammertal-Philosophie , wonach der, der geduldig sei, seinen Lohn bei Gott habe. Das kann sich doch nicht auf die Geduld gegenüber Unrecht beziehen. Propagieren nicht gerade wir Muslime den islamischen Grundsatz: Unterdrückt nicht und lasst euch nicht unterdrücken?
Konzeption zur Überwindung von Gewalt in der Beratungspraxis
In der Beratungsarbeit und den Therapiesitzungen wenden wir uns mit den Betroffenen dem Qur’an selbst zu, da ernsthafte Konzepte zur Überwindung von Gewalt für muslimische Mädchen und Frauen von dort ausgehen müssen. Ansonsten haben sie für muslimische Frauen keine Relevanz und keine Handlungsgrundlage. Ein Umstand, der in der Beratungsarbeit nichtmuslimischer Präferenz bei aller Fachkompetenz oft übersehen wird.
Es ist offensichtlich, dass die Behandlung des Themas Gewaltüberwindung in islamischen Gesellschaften (bzw. Familien) eine umfangreiche Bewusstseinsarbeit aller Beteiligten erfordert. Der stärkere sich selbst privilegierende Partner, wird in diese Bewusstseinsarbeit nur ungern einwilligen, zu Beginn auch kaum mit Appellen an göttliche Gerechtigkeit zu gewinnen sein, denn diese glaubt er ja zu vertreten. Es ist daher notwendig, dass die Frauen den erzieherischen Part übernehmen, der ihnen von ihrem Schöpfer zugewiesen wird. (Siehe auch 4.128). Um diese aktive Rolle in der Gesellschaft übernehmen zu können, arbeiten wir mit Frauen an Konzepten von Selbsterkennung und Selbstbehauptung. Frauen lernen nicht nur für sich selbst einzutreten, sondern Verantwortung auch für andere, ihre Kinder, ihre Eltern ihr Umfeld zu übernehmen. Sie lernen auch gesellschaftlich relevante Fragen zu formulieren und Forderungen an die Gemeinschaft zu stellen. Sie lernen die Begriffe qur’anische Gerechtigkeit und präventive Gewaltvermeidung aus authentischen Texten zu erfassen und einzufordern. Sie werden gestärkt, Gewalt nicht zuzulassen. Das alles hat viel mit dem Bewusstsein für den eigenen Wert zu tun und mit Angstfreiheit bzw. Angstminimierung. Der Radius ist enorm und umfassend: Von einem tief verwurzelten Bewusstsein, welches auf einer angeblich angeborenen und einer tatsächlich real erlebten gesellschaftlichen Unterlegenheit ausgeht zu einer selbstverantworteten Ablehnung von Gewalt. Ein wahrhaft mühsamer Weg.
Schwerpunkt der Gesprächstherapien ist es, den Betroffenen das Gefühl für Selbstwert, aufgrund der von Gott verliehener Unverletzlichkeit menschlicher Würde, zu vermitteln und das Wissen zurückzuholen, dass sie Geschöpf der einen Gottheit sind, gewollt, geliebt und (unter)halten durch den göttlichen Willen.
Überwindung von Gewalt bedeutet nicht nur, keine Gewalt zuzulassen, sondern auch, keine Gewalt anzuwenden. Dies muss auch von Frauen mit Gewalterfahrung erlernt werden, denn im Unbewussten wird die alltägliche Macht- und Gewalterfahrung weitergegeben. In dem Maße, in dem Frauen Selbstachtung zurückgewinnen, d.h. sich selbst in einem schmerzhaften Prozess zurückerobern , sind sie fähig, eigene Gewaltbereitschaft zu überwinden. Hierbei unterstützen sie die schöpferischen Aussagen des Qur’ans.
Zentrum für islamische Frauenforschung und Frauenförderung
*Vortrag, gehalten auf einer ZIF-Frauenveranstaltung offener Gesprächskreis“, Gewalt gegen Frauen, Herbst 2000

Quelle: http://www.huda.de/frauenthemen/500645940d1334e02.html

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